Die digitale Welt ist längst eine zusätzliche Dimension unseres Lebens geworden. Wir sind nichts anderes als eine sehr spärlich Version von Androiden, die ihre Körper mit Technik verlängern, um passabel in der Welt existieren zu können. Begonnen hat dies mit Brillen, dann kamen wesentlich wichtigere Behelfe wie Herzschrittmacher hinzu, doch das unumgänglichste zusätzliche Körperteil unserer Zeit ist wohl unser Smartphone.
Einige mögen widersprechen und das eigene Handy nicht als "angeheftet" wahrnehmen, doch was ist es dann, für die meisten von uns? Wann hast du zuletzt dein Handy einen ganzen Tag weggelegt? Wie oft nimmst du es mit ins Badezimmer? Wie oft hattest du schon das Gefühl, dein Bein vibriert, obwohl da nichts war?
Zumindest sobald man sich vom Smartphone losreißen will, spürt man ähnliche Vorbehalte, wie wenn es darum ginge, sich eine Gliedmaße abnehmen zu lassen. Die stärkste Angst, die uns dabei umtreibt, ist die der sozialen Ausgrenzung. Was als evolutionär sinnvolles Feature begann, ist darin ausgeartet, dass wir selbst in der Nacht unser Handy neben unserem Kopf platzieren, falls nicht doch ein wichtiger unerwarteter Anruf kommt.
Um Digital Detox zu probieren, muss man nicht zwingend eine ausgeprägte Social-Media-Sucht sein Eigen nennen. Doch wie bei jeder anderen Droge, wäre hier die Akzeptanz für Verzicht wesentlich gesteigert: Wer als trockener Alkoholiker auf das Feierabendbier verzichtet, dem verzeiht man. Doch wer sonst bei jeder Feier dabei ist und dann doch einen alkoholfreien Monat einlegen möchte, dem begegnet man mit skeptischen Fragen. Meist sind dabei die inneren Beweggründe nicht so schlecht wie man denken möchte: Geht es ihm nicht gut? Will er sich zurückziehen? Hat er etwas über [Alkohol] erfahren, dass ich auch wissen sollte? Das Ergebnis ist dennoch oft zumindest ein partieller Ausschluss aus der sozialen Umgebung und sei es nur, weil man sich nicht im selben Geisteszustand befindet. Will man also die sozialen Vorteile von Alkohol und vielleicht sogar dessen berauschende Wirkung genießen, nur eben gleichzeitig auf seine Gesundheit achten, so steht man vor einem Dilemma.
Das Gleiche Problem tritt auf, wenn man sich den Schattenseiten unseres digitalen Körpers stellen will: Man möchte seinen Fußabdruck einschränken, keine Daten an Konzerne verschenken, nicht dauernd überwacht werden, das Hirn nicht von Social-Media-Algorithmen umprogrammiert bekommen, nicht dauernd in seiner Gemütslage durch Content beeinflusst und ausgenutzt werden, seine Zeit wichtigeren Dingen widmen und generell selbst bestimmen, welche Körperteile man hat und ob ein kleines Funkgerät auf Steroiden dazuzählen soll oder nicht. Doch eine einzige Achillesferse steht allen Bemühungen allzu oft gegenüber: Die eine WhatsApp-Gruppe, in der man dann doch bleiben möchte.
Es gibt eine Vielzahl an möglichen Alternativen für Smartphones: Das Lightphone, Punkt und natürlich massenweise Dumbphones und alle scheitern sie an wenigen Eigenschaften: Wie höre ich dann Musik? Wie verschicke ich Familienfotos? Wie mache ich dann überhaupt Fotos? Und natürlich: Woher weiß ich, dass dann der wenige Kontakt, den ich mit vielen Leuten nur noch über Messenger-Apps habe, nicht ganz versiegt?
Die Antwort ist (leider) bisher, das Leben umzustellen: Häufiger anrufen, verschiedene Geräte für Verschiedenes verwenden, das eigene Hirn wieder umschreiben und ihm die Verlängerung der eigenen Intelligenz, des eigenen Wissens und der eigenen Reichweite wieder abgewöhnen. Das ist für die Meisten von uns nicht schaffbar und daher liegt eines auf der Hand: All das sollte kein Ersatz für den Druck sein, den ein paar wenige, große Firmen zu spüren bekommen müssen. Dass wir nämlich nicht vom Digitalen leben können und wollen und dass uns ihre Produkte wieder dienen müssen, anstatt sich an unseren Körper anzuschmiegen, um unsere Ressourcen auszusaugen.