Felix' Kopf

Einfluss

Alles Leid, dass wir Menschen erfahren, nehmen wir als solches wahr, weil wir keinen Einfluss darauf haben. Bereitet uns etwas Schmerzen, und wir können dessen Ursache entfernen, so haben wir kein Problem damit. Wenn wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen können, geht es uns gut und wenn wir, im Gegenteil, das Gefühl haben, nichts ausrichten zu können, sind wir unserer Umwelt hilflos ausgeliefert.

Im Kern vieler mentaler Probleme wie Depressionen oder Panikattacken steht oft das Gefühl, nichts an der eigenen Situation ändern zu können und Fokus vieler Therapieformen ist daher, ein Gefühl der agency zu vermitteln, der Selbstwirksamkeit, sodass behandelte Personen wieder auf Erfahrungen zurückgreifen können, die sie von ihrer eigenen Wirkmächtigkeit überzeugen.

Im Kern diverser klassischer Lehren der Philosophie, sei es nun der Stoizismus des alten Griechenlands oder der Zen-Buddhismus des frühen asiatischen Raumes, steht der Imperativ, zu ändern, was zu ändern ist und zu akzeptieren, was nicht zu ändern ist. Der eigene Wirkungskreis und dessen Grenzen wird damit direkt als Grundproblem der menschlichen Existenz angenommen, denn wir haben zwar nur einen (scheinbar) geringen Einfluss auf die Entwicklung der Welt, aber sind uns dessen leider auch bewusst, oder wie es in Faust heißt: "Ein wenig besser würd er leben, hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben".

Umso komischer erscheint es, dass sich unser Einfluss auf die verschiedensten Dinge von niedrigster bis größter Wichtigkeit erstreckt: Natürlich haben wir Einfluss auf unsere unmittelbare Umgebung, können unsere direkte Umwelt nach einigen Möglichkeiten gestalten und auch in unserem Handeln empfinden wir doch eine gewisse Freiheit. Allerdings bleibt es dabei nicht, und tatsächlich haben wir Einfluss auf eines der mysteriösesten und komplexesten Phänomene der Natur: Wir können - zumindest mit Hilfe anderer - Leben erschaffen und eigenmächtig vernichten. Auf der anderen Seite scheinen wir erstaunlich wenig Einfluss auf unser eigenes Schicksal zu haben. Seit Anbeginn der Menschheit sehnen wir uns nach Zaubersprüchen oder einem "Gesetz der Anziehung", die es uns ermöglichen würden, die Karten, die uns das Leben zuspielt, selbst zu wählen. Doch solch banalen und alltäglichen Erfahrungen wie zum Beispiel der eigenen Gesundheit stehen wir fast hilflos gegenüber, wenn sie uns einmal verlässt und wir alles in unserer Macht stehende versuchen, um sie wieder zurück zu bekommen.

Vor diesem Hintergrund wäre es interessant, ein Forschungsgebiet zu definieren, das sich mit dem Einfluss bzw. Wirkunsgkreis der Dinge beschäftigt. Dieses sollte mit Methoden der Statistik, der Netzwerk- und Graphentheorie, der Verhaltenspsychologie, der Ökonomie und vielen anderen eine simple Frage beantworten: Wenn ich X mache, welchen Einfluss hat das auf Y? Wenn wir diese Frage für möglichst alle Y, die in irgendeiner Form mit X in Zusammenhang stehen, möglichst präzise und vollständig beantworten könnten, so würden bestimmt einige interessante Einsichten zu Tage treten.

Es ist eher unwahrscheinlich, dadurch einen Schmetterling zu finden, dessen Flügelschlag einen Hurrikan in Amerika auslöst. Doch in unserer stark vernetzten Welt bleiben viele Einflussfaktoren und Wirkmechanismen oft im Verborgenen und gerade für uns Individuen ist es oft erleichternd, erdend und inspirierend zu erfahren, welchen Einfluss wir tatsächlich auf die Welt um uns herum haben.