Entgegen aller anderen Behauptungen ist die Welt, in der wir gerade leben, schlecht. Nicht etwa weil sich alles zum Schlechten entwickeln würde, sondern weil sich alles - und das ist ein Faktum - mit einer derart rasant steigenden Geschwindigkeit ändert, dass wir Menschen immer mehr Anpassungsschwierigkeiten entwickeln, körperlicher, kognitiver und seelischer Natur. Das löst wiederum eine Abwehrreaktion aus, wir wollen zurück in sichere Gefilde und lehnen den Fortschritt kategorisch ab oder nehmen ihn vorbehaltlos an. Wir wählen populistische Parteien, fühlen uns machtlos der Zukunft ausgeliefert und verringern unseren Aktionsradius.
Wichtig ist dabei zu sehen, dass das für alle gilt, die von den aktuellen Geschehnissen überwältigt werden, nur flüchten sich eben ein paar in Zukunftsfantasien und die anderen in erträumte Vergangenheiten. Im Trend sind sowohl tradwives als auch polycules, sowohl prepping als auch digitales Nomadentum, carnivore und komplett vegane Diäten, Remigration und dey/deren. Wir alle verklären dabei bis zu einem gewissen Grad diejenige Zeit, die gerade eben nicht ist. Das gilt für den Silicon Valley techbro, der in der Anwendung von KI und Nanotechnlogie den Schlüssel zu immerwährender Sorgenfreiheit und ewigem Leben erwartet und den Klimawandel doomer, der uns bis dahin bereits an unüberwältigbaren Krisen scheitern sieht genau so wie für den populistischen Rechten der, bei aller berechtigter Kritik an europäischer Migrationspolitik, vor lauter Hass den Blick auf die Lösung der eigenen demographischen Probleme verliert.
Zwei Freunde, die vermutlich auch als erste diesen Blog lesen werden, haben mich kürzlich als Zyniker bezeichnet und sich gleichzeitig über diesen Umstand überrascht gezeigt. Dabei habe ich das als Kompliment genommen, denn ich stelle mir gern vor, dass der Zyniker einen Mittelweg gefunden hat, der sich vielen Menschen nicht zeigt:
Wir haben schließlich gelernt, dass der Mensch in seinem Basisrepertoire der Gefahrenabwehr den Fight-or-Flight Reflex besitzt. In diesem Bild ist allerdings nur Platz für diejenigen unter uns, die aus psychischer Überforderung, Hass oder sonstigen Gründen entweder Attentate begehen oder aber sich in eine Hütte im Wald zurückziehen und sich für den kommenden Untergang bereithalten (natürlich auch in weniger extremen Ausprägungen).
Die wichtigste Waffe, die der moderne Mensch aber im Umgang mit diffusen und globalen Gefahren und Situtationen erlernt hat, wird dabei ausgespart: der Humor. Er erlaubt es uns, Distanz zu schaffen zwischen uns und einer unangenehmen Wahrheit, bis wir bereit sind, diese anzunehmen und ihr mit überlegten Schritten zu begegnen.
In einer Welt, in der mit einer kurzen Googlesuche erstens jeder Zweifel eliminiert und zweitens ein riesiger Kaninchenbau an Fakten und (Des-)Information aufgemacht werden kann, ist es nicht mehr üblich und wirkt fast ignorant, kurz innezuhalten und keine Meinung zu haben, oder den status quo als suboptimal zu akzeptieren und trotzdem nichts dagegen zu tun. Doch der wahre Zyniker beschreitet diesen schmalen Grat, achtsam, dass er weder in das eine noch in das andere Extrem kippt, bis er schließlich, am Gipfel angekommen, den besten Überblick über die Lage hat und dann entscheiden kann, wohin der Weg weiter führt.
Innehalten, aufnehmen, sickern lassen. Und mit "heiterer Gelassenheit", wie sie Siddhartha angeblich perfektionierte, nehmen was kommt, bis man ändert, was man ändern kann. So wünsche ich mir manchmal, den Dingen gegenüberzustehen.